Ich gehe schon seit einigen Jahren auf die Eurobike, erstelle zahllose Artikel zu Neuheiten und filme Jahr für Jahr Neuvorstellungen. Doch so nachhaltig, wie die Enduro-Welle über die Mountainbike-Szene hereingebrochen ist, habe ich noch keinen Trend aufkommen sehen. Doch was ist bloßer Trend und Arbeit aus der Marketingabteilung und was ein kundenorientiertes Angebot, dass uns Mountainbikern mehr Spaß auf dem Trail bringt? Und was ist eigentlich dieses Enduro, wo kommt es her und wo geht es hin? Könnte es am Ende sein, dass fern ab von Hochglanz und Hype der Kern von Enduro vergleichsweise unspektakulär erscheint? Wir wagen den Blick hinter den Enduro-Trend auf der Eurobike 2014.
Eurobike-Trends 2014
Enduro
Enduro? Ein Trend? Das ist doch ein alter Hut mag manch einer von euch nach dieser Einleitung gedacht haben – und er hat Recht. Also ich zum Mountainbiken gekommen bin, ist ein früher Vertreter dieser Spezies eine Designikone gewesen: Das Specialized Enduro. Ein massives Monocoque aus Aluminium sorgte für eine noch heute attraktive Formsprache und bis zu 130 mm Federweg am Hinterbau versprachen Spaß ohne Reue. Was für ein Bike. Ein Jahrzehnt später sehen wir auf der Eurobike Enduros in allen Laufradgrößen und Preisklassen und bekommen dazu spezielle Enduro Sättel, Griffe und Bekleidung gezeigt. Nicht zu vergessen das "grenzdebile Enduro-Hansel-Grinsen“ auf allerlei bunten Kommunikationsmaterialien, wie es ein geschätzter Benutzer dieser Seite einmal direkt auf den Punkt brachte. Die neueste Entwicklungsrichtung, die auf der Eurobike zu sehen gewesen ist, sind jedoch spezielle Enduro Helme und Enduro Protektoren – und hier gewinnt der Trend plötzlich an Substanz.
Vom Wort her zielt Enduro in jeder Hinsicht auf eine Ausdauerleistung ab, die so theoretisch auch bei einem Marathon geleistet werden kann. Doch die Mountainbike-Industrie sieht Enduro als hartes All-Mountain und wer sich die Strecken der eigenen Enduro-Rennserien anschaut, der gewinnt den Eindruck von verknüpften Downhill-Strecken, die mit kurzhubigen Bikes befahren werden.
Doch abseits der Rennserien und der zugespitzten Marketingaktivitäten rund um Enduro gibt es einen handfesten Grund, warum Enduro als Disziplin funktioniert und warum die oben genannten Helme und Protektoren / Rucksäcke einen tieferen Sinn ergeben: Enduro in seiner realitätsnäheren, abgeschwächten Form ist das, was die meisten von uns gewöhnlich machen, wenn sie biken gehen.

Entspannt bergauf und mit Schmackes bergab – ist es nicht das, was viele von uns tagein tagaus auf der Hausrunde leben? Ob Alpen, Mittelgebirge oder Hügel mit Blick auf’s Meer: Jeder kann sein eigenes Enduro fahren und für den kurzen Abfahrtsabschnitt alles geben, um anschließend mit Weile wieder bergauf zu eilen. Die wenigsten von uns kommen in den Genuss, einen Lift vor der Haustüre zu haben und so landet am Ende jeder, der gerne bergab fährt, auf einer Enduro-Runde. Sollte die DH-Legende Steve Peat jemals aus dem World Cup aussteigen – er würde postwendend Enduro-Profi werden und sich fortan die meisten Anstiege wieder selbst erarbeiten und bergab mit weniger Federweg ein ähnliches Tempo gehen.
Doch zurück zum Trend und den Produkten. Es lässt sich aus abfahrtorientierter Sicht leicht argumentieren, dass Enduro den Kern des Mountainbikens repräsentiert. “We Make Enduro” heißt dann auch direkt ein neu vorgestellter Allrounder von Conway und man fragt sich, wer denn eigentlich nicht Enduro macht. Während manche Produkte wie Enduro Sättel, Griffe, Lenker oder Bremsen letzten Endes blanke Augenwischerei sein können, zeigt die Eurobike, dass der Trend neben vielen Blendgranaten und Namensinnovationen auch einige spannende Produkte in die Messehallen spühlt.
Rucksäcke wie der Ergon BE1 / BE2 zeigen, wie minimalistisch eine Enduro-Ausstattung sein kann. Ein Helm, eine Regen- oder Windjacke, etwas Werkzeug und Verpflegung inklusive Trinkblase müssen unterwegs reichen und das tun sie in der Regel auch bei wohl mehr als 80% der Fälle, in denen der normale Mountainbiker auf sein Rad steigt.

Unternehmen wie Alpine Stars oder Dainese gehen den umgekehrten Weg und versehen Protektorenjacken mit reduzierter Panzerung aber dafür kleinen Stauräumen und Platz für eine Trinkblase. Und Specialized zeigt, wie kompakt man Verpflegung und Werkzeug oder Handy am Körper tragen kann ohne einen Rucksack zu benötigen (letztere jedoch nicht auf der Eurobike…)

An den Ständen von Alpina, Bell, iXS und Urge finden sich interessante Helme, bei denen sich schwerer Vollvisierhelm und leichte Halbschale treffen, und komfortabel mehr Sicherheit gewährleistet werden soll. Die teilweise einfachen Kinnbügel sollen – im Gegensatz zu bekannten Modellen aus der frühen Geschichte des damals noch namenlosen Enduro-Sports – im Falle eines Sturzes tatsächlich Sicherheit bieten und das Gewicht der Helme liegt teilweise unter 650 g, was sie auf Touren wesentlich angenehmer zu tragen macht. Hinzu kommt eine versprochene gute Belüftung, die wir sobald als möglich im Praxistest auf die Probe stellen wollen.
Das Alles ist im Sinne von uns Mountainbikern, denn nur selten fahren wir die großen Touren mit schwerem Gepäck – und umso öfter die kleinen Runden, die wir neumodisch Enduro nennen. Der eigentliche Fokus sollte jedoch auf unserem Fahrspaß und der gebotenen Sicherheit liegen. Die speziellen Produkte sollen somit folglich zwar den Ruf der harten Rennserien mit kaum zu bewältigenden Anforderungen widerspiegeln. Doch abseits des Hypes um den Namen Enduro offenbart sich eine fast schon langweilige Anwendung, die so ganz und gar alltäglich entzaubert wird. Hierfür Produkte zu machen ist großartig und im Sinne der Massen, die von diesen speziellen Produkten profitieren. Wenn sie nur nicht so teuer wären… aber irgendwo muss das Geld für die Rennserien und teuer erkaufte Inhalte ja kommen.
Weitere Trends
Gab es abseits von Enduro noch weitere Trends? Aber klar – morgen und übermorgen schließen wir die Elektrifizierung des Fahrrades kurz und lassen den Fatbikes die Luft ab! Und jetzt Feuer frei auf den entzauberten Hype um das Luftschloss Enduro, das letzten Endes doch ganz bodenständig ist.
Eurobike 2014 – der Neuheitenüberblick
MTB-News.de hat auch in diesem Jahr in umfassenden Foto- und Videoberichten von der Eurobike 2014 die Highlights für das Modelljahr 2015 präsentiert. Eine Übersicht über alle Artikel von der Eurobike 2014 findet ihr auf dieser Seite. Viel Spaß beim Durchstöbern, Lesen und Zuhören!
Der Beitrag Wider den Enduro-Hype – Trendanalyse 2015 [1/3] ist auf MTB-News.de erschienen.