Irgendwie hat es sie schon immer gegeben, doch abseits von Randerscheinungen wie unserem Test des Surly Moonlander haben wir in der Redaktion von MTB-News.de mit Fat Bikes eher weniger zu tun gehabt. Ein möglicher Grund: Weite Teile Deutschlands sind weder von Schnee, noch von Sand bedeckt. Die Mountainbikes mit besonders voluminösen Reifen sind so zwar an sich keine neue Erscheinung, doch waren sie stets weit ab der Massen unterwegs und auf die genannten speziellen Einsatzbereiche limitiert. Auf der Eurobike 2013 – also vor gerade einem Jahr – zeigte sich jedoch, dass Dynamik in den Markt für Fahrräder mit überdimensionierten Reifen kommt. Zur Mitte dieser Saison machte unser Redakteur Stefanus dann die Probe auf’s Exempel und stellte das Konzept „Fatbike" in einer dreiteiligen Artikelserie auf die Probe. Nun, am Ende der Saison, dominieren Fat Bikes die Messestände auf der Eurobike 2014. In allen Formen, Farben und Größen – mitten im Mainstream. Und das, obwohl noch immer weitere Teile unserer Mountainbike-Welt nicht mit Schnee oder Sand bedeckt sind. Wir schauen in diesem Artikel hinter den Trend zum Fatbike.

Eurobike-Trends 2014
Teil 3: Fat Bikes
Das Fat Bike versteht sich als ein Fahrrad mit besonders großvolumigen Reifen. Die Rede ist hier von 3,5“ bis 5“ in der Breite – im Vergleich zu den an Mountainbikes üblichen 2,0 bis 2,5“. Das Spannende ist, dass sich zwischen diesen beiden Extremen – also dem normalen Mountainbike auf der einen Seite und dem Fatbike auf der anderen Seite – noch Luft für eine weitere Klasse an Bikes ist: die “Plus”-Bikes. Ähnlich wie beim neuen iPhone könnten wir hier schon bald die Formate 26+, 27,5+ und 29+ sehen, die mit Breiten um 3,0“ ausgestattet sein werden. Doch das ist ein anderes Kapitel und möglicherweise bereits ein Trend für die übernächste Saison. Jetzt sind erst mal Fat Bikes an der Reihe; und erfahrene Mountainbiker werden sich bei dem genannten Maß von 3,0″ selbstverständlich an die legendäre Kombination „Gazzaloddi + Double Wide” erinnern – beides scheint jetzt zurück zu kommen.
Woher kommt überhaupt der Bedarf für ein Fatbike? Die eigentliche Idee ist relativ einfach und kommt so auch bei Geländewagen und allen anderen Einsatzbereichen für Luftreifen vor, bei denen auf weichen Untergründen gefahren werden soll. Ja sogar darüber hinaus gilt das Prinzip, das direkt aus der Physik abgeleitet ist: je weicher der Untergrund und je schwerer die darüber zu bewegende Last, desto breiter muss die Auflagefläche gewählt werden. Im Grenzfall landet man so bei einem Boot, das über einen See schwimmt. Oder eben einem Fatbike, das sich über Sand, Schnee und Schotter fahren lässt, wo normale Fahrradreifen einsinken und der Fahrer stecken bleibt. Ein netter Nebeneffekt ist, dass aufgrund der vergrößerten Fläche der Reifendruck abgesenkt werden kann, was dem Reifen eine bessere Anpassungsfähigkeit an den Boden ermöglicht. Ausgehend von diesem Hintergrund sind die ursprünglichen Anwendungen von Fatbikes schnell identifiziert und validiert: Sand & Schnee. Wer auch immer viel davon vor der Haustüre hat, sollte sich austoben können und die Vorzüge der dicken Reifen auskosten. Das Problem ist nur: Der Mainstream lebt weder an der Küste, noch in der Wüste oder den Polarregionen. Und dennoch kommt das Fatbike für 2015 so richtig in Schwung. Ein Trend? Der Trend!

Im Gegensatz zur fast schon schmalen Double Wide-Felge aus dem eingangs gewählten Beispiel drehen sich in Fatbikes in der Regel Laufräder mit Felgenbreiten von ca. 100 mm. Sie sind auf der Eurobike von allen kleineren und größeren Herstellern des Marktsegments zu sehen gewesen und an leichten Carbon-Fatbikes drehen sich wohl schon bald auch fette Felgen aus Carbon. Bei Salsa und anderen Herstellern sind Carbon-Rahmen für Fat Bikes bereits zum Standard geworden und ausgehend von dem Maße, in dem die Industrie in den neuen Trend investiert, könnte sich die Innovationsschraube auch bei den Fatbikes zunehmend schneller drehen. So findet sich am Stand von Tune ein Fatbike, dass mit weniger als 10 kg die Waage belastet. Bei Rohloff findet sich eine Speedhub XL Nabenschaltung, die bei der Hinterbaubreite und der Kettenlinie Vorteile bietet. Kleine Hersteller haben den Vorteil, schnell auf neue Trends und Entwicklungen reagieren zu können. Doch es sind nicht die kleinen Firmen wie Surly – die seit langer Zeit mit dicken Reifen unterwegs sind, die nun im Mittelpunkt der Bewegung stehen. Seit diesem Jahr gibt es mit der RockShox Bluto eine Federgabel für Fatbikes von einem der größten Spieler der Industrie. Mit Herstellern wie Canyon und Specialized sind mittlerweile auch die ganz großen Komplettradhersteller auf den Trend aufgesprungen.


Was bedeutet das? Plötzlich schreiben Facebook-Freunde, die an sich nichts mit Mountainbikes zu tun haben, über Fatbikes. Große Magazine und Medien weit ab der Mountainbike-Szene interessieren sich für die dicken Reifen am Mountainbike. Und der Trend verselbstständigt sich. Auf dem Demoday der Eurobike sind Fat-Liegeräder und andere Kreuzungen der dicken Laufräder zu sehen gewesen. Fatbike mit Elektromotor? Kein Problem. Fatbike-Fully? Vorgestellt. Fatbike für Kinder? Das war nur eine Frage der Zeit.
Trotz der vielfältigen neuen Ausprägungen der fetten Bikes muss man sich am Ende des Tages überlegen, wohin die Reise wohl gehen wird. Wer schonmal einen Fatbike-Reifen bezahlen musste der weiß, dass das an sich bislang relativ simpel aufgebaute Rad richtig teuer werden kann. Und Luft hat keine Zugstufe. Diese einfache Aussage ist einer der Gründe, warum ich auf Trails eher weniger Spaß mit dem Fatbike gehabt habe. Sieht man jedoch den Nicolai Team-Fahrer Frank Schneider mit seinem Fatbike, so lässt sich dieses Argument wohl kaum halten. Beim ersten Proberollen auf dem Demoday fühlt sich dann auch das Surly Fatbike-Fully erstaunlich gut an und die in diesem Fall vorhandene Zugstufe des Hinterbaus beeinflusst das Fahrgefühl positiv.
NICOLAI Argon FAT Pinion – Fääzzt ! von soul_ride – Mehr Mountainbike-Videos
So angepasst und diversifiziert könnte das Fatbike in der Tat schnell neue Kundengruppen erobern und dabei nicht versuchen, bestehende Mountainbiker von ihren schmalen Reifen abzubringen, sondern insbesondere auch trendbewusste Nicht-Biker auf’s Rad zu holen. Das Interesse an den Bikes scheint jedenfalls ähnlich groß zu sein wie die Menge an neu vorgestellten Bikes und Mobilitätskonzepten rund um das Fatbike. Ob man diesen Trend als eingefleischter Mountainbiker dann gut oder schlecht findet, ist letzten Endes reine Geschmacksache. Kommen wird er so oder so, soviel ist sicher!
Weitere Trends der Eurobike
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Eurobike 2014 – der Neuheitenüberblick
MTB-News.de hat auch in diesem Jahr in umfassenden Foto- und Videoberichten von der Eurobike 2014 die Highlights für das Modelljahr 2015 präsentiert. Eine Übersicht über alle Artikel von der Eurobike 2014 findet ihr auf dieser Seite. Viel Spaß beim Durchstöbern, Lesen und Zuhören!
Der Beitrag Fat ist In: Der Fat Bike-Trend für 2015 unter der Lupe [3/3] ist auf MTB-News.de erschienen.