Nach der XX1-Schaltung hatte SRAM die X01 Gruppe nachgelegt: Ebenfalls ein Kettenblatt und 11 Gänge, aber ein wenig günstiger. Inzwischen ist auch die noch günstigere X1 auf dem Markt, deren Test ebenfalls läuft – mit der SRAM X01 waren wir wie auch im XX1-Dauertest aber jetzt schon über ein Jahr unterwegs. Unsere Erfahrungen aus einem Jahr Dauertest.
Der Wechsel
Egal von welcher Kettenschaltung man auf 1X11 wechselt: Es werden hinterher weniger Teile am Rad verbaut sein als vorher. In einigen Fällen werden Umwerfer und vorderer Schalthebel wegfallen, in anderen die Kettenführung eines 1X10 Systems. Eigentlich hat der Umstieg nur zwei Haken:
1. Auch die SRAM X01 Gruppe ist nicht günstig, und gerade die essentiellen Teile Schaltwerk und Kassette sind die teuersten der Gruppe.
2. Mit der SRAM X01 Gruppe ist es leider nicht getan, denn es braucht einen XD-Freilaufkörper. Selbst wenn der sich an dem bestehenden Laufradsatz nachrüsten lässt, sind das nochmals um die 60 €, die in die Hand genommen werden wollen.
Sind die Teile erst einmal beschafft, geht der Umbau leicht von der Hand: Die Montage der Kassette auf dem XD Freilauf erfolgt weiterhin mit dem selben Werkzeug, gleiches gilt für Schaltwerk, Kurbel, Kette und Kettenblatt. Die Einstellung des Schaltwerks hat sich ebenfalls nicht geändert: Oberer Anschlag, unterer Anschlag, Zugspannung und – das wird häufig vergessen – Kettenumschlingung. Die so genannte “B-Screw” stellte die Kettenlänge zwischen dem Punkt, an dem die Kette das Schaltröllchen verlässt und dem Punkt, wo sie das Ritzel berührt, ein. Dieser Abstand sollte ziemlich genau die Breite eines 8er Maulschlüssels betragen. Falls trotz akurater Einstellung die Kette springt, kann dies an der Kettenlängung eines vollgefederten Rahmens liegen: Der Abstand muss im SAG stimmen, und nicht, wenn das Rad am Montageständer hängt.
Ich entschied mich für ein Kettenblatt mit 30 Zähnen. Damit entspricht der kleinste Gang mit einer Übersetzung von 1 : 0,71 ziemlich genau dem kleinsten Gang, den ich auf meiner letzten 2X10 Schaltung gefahren war (22/32 = 1 : 0,69), und ist erheblich kleiner als das, was ich an meinem 1X10 Bike zuvor gefahren war (32/36 = 1 : 0,89). Der größte Gang kommt bei weitem nicht an 3X9 ran, ist aber größer als bei meinem 1X10 Setup. Im Aftermarket sind für die SRAM X01 nur die leichteren Carbon-Kurbeln erhältlich, nur Erstausstatter kamen an die günstigere Alu-Kurbel.
Endkunden können natürlich auch eine Nicht-Sram Kurbel verbauen. Solltet ihr dennoch original SRAM Kettenblätter montieren wollen, Achtung: Der Lochkreis der SRAM X01 Kurbel beträgt 94 mm und nicht wie weit verbreitet 104 mm, hier muss also auf die Kompatibilität geachtet werden. Der XX1-Spider lässt sich jedoch an allen SRAM GPX-Kurbeln mit austauschbarem Spider nachrüsten. So kann beispielsweise auch eine X9 Kurbel mit XX1-Spider und -Kettenblatt gefahren werden.

SRAM X01 – Erster Eindruck
Die Komponenten der Schaltgruppe haben allesamt einen guten ersten Eindruck hinterlassen: Hochwertig verarbeitet, perfekt optisch abgestimmt und leicht montiert. Von der Einstellbarkeit – zum Beispiel des Daumenhebels am Trigger – hatte ich mir aber ehrlich gesagt etwas mehr erhofft: Mein Plan war, die beiden Schalthebel direkt nebeneinander zu legen, so dass ich den Daumen weniger nach hinten strecken muss, um einen leichteren Gang zu erreichen. Gedacht, getan – nur leider ist mein Daumen dann zu kurz, um noch mehr als 2 Gänge auf einmal runter schalten zu können – und das ist mir dann doch wichtiger. Kurz um: Ich landete in genau der neutralen 0° Stellung und könnte auf diese Einstellung ohne Kompromisse verzichten, wodurch einer der Mehrwerte des X01-Hebels gegenüber dem X1-Hebel entfällt. Mit größeren Daumen mag das aber wieder anders aussehen.
Aber egal, lieber eine Einstellung zu viel als zu wenig. Den Trigger drückte ich in jedem Fall gerne: Kein Leerweg, stattdessen knackige, direkte und schnelle Schaltvorgänge. Im direkten Vergleich zum XX1-Schalthebel bedarf es jedoch etwas mehr Hebelweg, um die Gangwechsel präzise und schnell herbei zu führen. Bei Bedarf (und der richtigen Ausgangsstellung) lassen sich bei einem abrupten Anstieg 5 Gänge auf einmal wechseln, was vom Unterschied mindestens so groß ist wie die Betätigung eines Umwerfers – nur, dass man nicht so viel Drehmoment rausnehmen muss. Stichwort Unterschied: Die Gangsprünge sind für mich ein großer Vorteil von 1X11, jeder Gangwechsel hat subjektiv einfach die richtige Größe: Klar spürbar, aber nicht überfordernd. Am Schaltverhalten hat sich in einem Jahr wenig bis nichts geändert. Ich habe einmal den Zug gewechselt, die Hülle aber behalten. Die Gänge rasten nach wie vor präzise sein, das ganze System funktioniert (gereinigt und geölt) lautlos.

Auf dem Trail
Absolut unauffällig verrichten Kurbel und Innenlager ihre Dienste: Ich habe sie nicht ein einziges Mal angerührt, und sehe auch keinen Grund dazu: Kein Spiel, keine Geräuschentwicklung, nichts. Eines muss dennoch erwähnt werden: Während an der Kurbelseite ein Kunststoffschutz vor Abrieb durch breite Schuhe oder schrägen Tritt schützt, sind die Kurbelenden ungeschützt. Das wäre okay, wenn sie nicht zur gleichen Zeit ziemlich hoch bauen würden. Bevor also das Pedal mit dem Boden Kontakt aufnimmt, klärt die Kurbel die Sache. Dabei zeigt sie vernünftige Nehmerqualitäten, im Falle eines Wieder-Verkaufs wäre der Preis allerdings demoliert.
Tiefe Innenlager erfordern ihren Tribut, Abhilfe würde ein kleiner Überzug verschaffen, wie ihn zum Beispiel RaceFace anbietet. Noch ein Hinweis zur Kurbel: Der Anschlag der Pedalachse sitzt leicht vertieft. Bei Pedalen, deren Körper dicht an der Pedalachse abschließt, kann es hier zu eng werden. So brauchte ich beispielsweise zur Montage der Spank Oozy Pedale gleich 2 Unterlegscheiben pro Seite, damit sich das Pedal überhaupt dreht. Unterwegs wollte ich mal eben RaceFace Flats montieren, hatte aber nicht genügend Unterlegscheiben dabei – und musste spontan auf Klickies umsteigen, weil sich die Pedale einfach nicht drehen lassen wollten – Augen auf bei der Pedal-Montage.

Gespannt war ich, wie lange wohl die schwarze Beschichtung der Kassette halten würde. Wie erwartet zeigt sich hier Verschleiß, entgegen meiner Befürchtung leidet die Optik darunter aber kaum – und auch die Funktion wird nicht eingeschränkt. Uneingeschränkt funktioniert auch die Kette. Es gibt übrigens keine eigene X01-Kette, sondern nur eine XX1 und eine X1, die sich nicht geometrisch, sondern durch die Art der Härtung und Oberfläche unterscheiden. Meine XX1-Kette machte überhaupt gar keinen Ärger, schmalere Breite hin oder her.
Der einzige Grund, warum ich sie anfassen musste: Ich habe meinen Rahmen zwischendurch auf 650b umgebaut. Der Käfig der 1X11 Schaltwerke kann nicht übermäßig viel Längenunterschied ausgleichen. 15 mm längere Kettenstreben bedeuten 30 mm mehr Bedarf an Kettenlänge, weshalb ich durch meinen Umbau des Rahmens zunächst das größte Ritzel nicht mehr schalten konnte. Aber ganz ehrlich: Lieber füge ich zwei zusätzliche Kettenglieder ein, als dass ich mit einem “Seitenständer” durch die Gegend fahre.
So richtig kurz ist der Käfig des X01 Schaltwerks ohnehin nicht, und auch besonders schmal ist es nicht ausgefallen. Einige meiner Kollegen haben ihre 1X11 Schaltwerke auch schon fleißig gegen Steine geschlagen, aber das haben sie auch mit anderen Schaltwerken gemacht. Der Punkt dabei ist folgender: Von den bisherigen Schadensbildern sieht es so aus, als würde das X01-Schaltwerk Steinkontakt sehr gut ausweichen können, weil der Käfig sich einfach nach innen verschieben lässt. Dabei wird aber das obere Schaltröllchen irgendwann gegen die Kassette gedrückt, ein Duell, dass das Schaltröllchen nur verlieren kann. Dafür versagt hier gleichzeitig auch das günstigste Teil im System, was in Anbetracht des Schaltwerk-Preis erfreulich ist. Insgesamt würde ich das X01-Schaltwerk (wie auch XX1 und X1) als stabil und zuverlässig bezeichnen. Ob man mit dem Teil anschlägt oder nicht, liegt glaube ich weniger daran, ob es jetzt 5 mm weiter raus steht oder nicht, als viel mehr von der Linienwahl des Fahrers…

Stichwort Kettenmanagement: Ich habe keine Kettenführung montiert und die Kette genau nie verloren. Gefühlt schlackert die Kette inzwischen etwas mehr als zu Beginn des Tests, was am Verschleiß von Kette oder Kettenrädern liegen kann. Die Käfig-Dämpfung des Schaltwerks wird als verschleißfrei bezeichnet, am Schaltwerk lassen sich neben den Schaltröllchen die Kabelführung (inklusive Rolle) und die Anschlagsschraube (“B-Screw”) ersetzen. Eine Demontage des Käfigs wie früher bei der X0 ist nicht mehr vorgesehen.
Fazit
In Anbetracht der vielen Gleichteile mit der SRAM XX1 ist es eigentlich kein Wunder: Die SRAM X01 überzeugt funktionell auf ganzer Linie, ist jedoch nicht ganz so präzise und knackig wie eine XX1, was wohl lediglich am Schalthebel liegen dürfte. Einziges Manko gegenüber der teureren Gruppe kann – je nach Einsatzbereich und Laufradgröße – das kleinste Kettenblatt sein: Auf die X01-Kurbel geht nichts unter 30 Zähnen. Davon abgesehen glänzt Srams zweite 1X11-Gruppe mit schnellen Gangwechseln, wenigen Teilen, einem übersichtlicheren Cockpit und der nach wie vor größten Bandbreite einer Kettenschaltung mit nur einem Kettenblatt. Die Diskussion, ob diese Bandbreite genügt, kann ewig geführt und doch nur individuell geklärt werden. Ich persönlich habe bisher so gut wie niemanden getroffen, der an einem Mountainbike bergauf und bergab die extremen Gänge braucht, die in Kombination mit 1X11 nicht zu haben sind. Die meisten können sich durch die richtige Wahl des Kettenblatts die 420 % Bandbreite von Sram 1X11 dahin schieben, wo sie sie benötigen – so lange es ausreichend kleine Kettenblätter gibt. Die einzige Komponente der Gruppe, an der ich etwas kritisieren möchte, ist die Kurbel: Minimal 30 Zähne Blätter trotz 94 mm Lochkreis, ungeschützter aber exponierter Kurbelarm und der leicht vertiefte Anschlag könnten eindeutig verbessert werden.

Stärken
+ Schaltqualität: Schnell, knackig, präzise
+ Kettenmanagement: Sichere Führung, leise Geräuschkulisse
+ Weniger Ärger: Weniger Einstellung, weniger Kabel, weniger Schaltpausen
+ Funktionell auf Level der XX1 zu einem niedrigeren Preis
Schwächen
- Dick-Dünn Schaltröllchen verschmutzen stärker als konventionelle Röllchen, erfordern mehr Pflege
- Kleinstes Kettenblatt 30 Zähne
Fotos: Stefanus Stahl
Der Beitrag SRAM X01 im Dauertest: Einmal Elf zum Mitnehmen ist auf MTB-News.de erschienen.