Wer dieses Jahr in heimischen Gefilden einen schönen Sommer erleben konnte, darf sich glücklich schätzen: denn von Sonnenschein und warmen Temperaturen war zumindest südlich des Weißwurst-Äquators nicht viel zu spüren. Der Herbst scheint die Versäumnisse des Sommers dieser Tage wettmachen zu wollen und so erleben wir derzeit beste Voraussetzung für eine verlängerte MTB-Saison. Nichts von langer Dauer, denn Wetterexperten prognostizieren bereits herbstliche Tristesse für die kommenden Wochen. Doch was tun, wenn man das hochmoderne und empfindliche Bike nicht den widrigen Bedingungen eines nasskalten Herbstes aussetzen möchte? Cyclocross wäre da eine Alternative. Wir haben uns den Spaß im Selbstversuch gegönnt.
Schönstes Herbstwetter hatte sie vorhergesagt, die muntere Meteorologin aus dem Radio. Von ihrer Prognose ist jedoch nichts zu sehen, stattdessen kämpft der Scheibenwischer gegen die prasselnden Regentropfen auf der Windschutzscheibe. Wären wir auf dem Weg zum Mountainbiken, so hätten wir wohl schon jetzt die Lust am Aufsatteln verloren. Doch für unser heutiges Vorhaben könnte das Wetter nicht besser sein. Wir sind auf dem Weg nach Pfronten im Allgäu, einer Einladung von Crema Cycles-Inhaber Ken Bloomer folgend. Unser Anliegen: Beim “Crosstober Fest” möchten wir – Redaktionskollege Thomas “Dommaas” Fritsch und ich – uns dem Selbstversuch Cyclocross-Rennen stellen.
Cyclocross, in Teilen der USA seit einiger Zeit angesagter Trendsport und in den Benelux-Ländern fast schon kultiger Nationalsport. Auch hierzulande erlebt Cyclocross seit Kurzem ein Comeback. Einer der Gründe präsentiert sich uns beim Eintreffen am Ort des Geschehens: Auf dem Parkplatz neben der Rennstrecke reihen sich nicht nur prestigeträchtige Kombis und Kleinbusse, sondern auch edle Sportgeräte. Es scheint als hätte sich Cyclocross vom einstigen Wintertrainingssport von Rennrad- und XC-Athleten hin zum angesagten Freizeitsport derer entwickelt, die dem kulturübergreifenden Mainstream überdrüssig sind. Was unser Auge erblickt sind neben detailverliebten Eigenbauten diverse Edelmodelle kleiner, größtenteils unbekannter Manufakturen. Das Bild wird abgerundet durch die teils ebenso alternativ anmutenden Outfits, die etwas an die Hipster-Szenen deutscher Großstädte erinnern.
Da wir selbst nicht über solch edles Gerät verfügen, ich genauer gesagt gar kein Cyclocross-Rad mein Eigen nennen darf, werden uns die nötigen Sportgeräte von Veranstalter Ken Bloomer gestellt. Es hat schon fast etwas Ironisches, dass gerade mir, wo ich doch bisher keinerlei Erfahrung in dieser Disziplin sammeln konnte, gerade das teuerste Bike zu passen scheint. Ob sich Eigentümer Ken über meinen Fahrstil im Klaren ist? Mit dem nötigen Respekt werden Pedale getauscht, die Sattelhöhe eingestellt und flüchtig ein paar Schaltübungen durchgeführt. Für eine Streckenbesichtigung sind wir bereits zu spät, was folgt ist ein kurzes Briefing durch Kollege Dommaas sowie durch meinen Vater. Beide geben gänzlich unterschiedliche Tipps zum Besten: “Aus dem Start raus immer Vollgas, bloß keine Kompromisse!” – so der Tipp meines Kollegen. “Auf keinen Fall zu schnell starten – langsam die Geschwindigkeit hochschrauben!” – der Rat meines Vaters. Wunderbar, jetzt weiß ich wirklich Bescheid.
Aufgrund eines Produkt-Fotoshootings im Vorfeld fehlt uns die nötige Zeit zur Streckenbesichtigung und auch Warmfahren ist nicht mehr drin. Wir drehen eine kurze Runde im Start-Ziel-Bereich und begutachten die Cyclocross-typische “Technik-Sektion” mit künstlichen Hindernissen. Um der Renndynamik mehr Spannung zu verleihen, sollen die Teilnehmer durch solche Abschnitte zum Absteigen und gesprintetem Tragen gezwungen werden. “Bitte was? Tragen über knapp 30 cm hohe Hindernisse. Schon mal was von Bunny Hop gehört?” Keine zwei Minuten, nachdem mir dieser Satz über die Lippen gegangen ist muss ich feststellen, dass es mir dann doch an den nötigen Skills fehlt, das neue Sportgerät in MTB-Manier über die Hindernisse zu bewegen. Also schnell noch den Trageablauf eingeübt und ab zur Startaufstellung.
Die Stimmung ist entspannt und die Teilnehmer unterhalten sich in fast schon familiärer Atmosphäre. Unsere offensichtlich ungewöhnliche MTB-Outfit- und Cyclocross-Kombination bleibt nicht lange unbemerkt und so müssen wir uns den ein oder anderen flapsigen Spruch anhören. Links und rechts schieben sich vereinzelt noch ein paar Fahrer an uns vorbei, wohl im Glauben, wir wären im Pulk nichts anders als ein Hindernis.

Der Startschuss fällt: Bevor wir die erste Kurbelumdrehung gemacht haben, wird uns klar, dass unser verspätetes Einreihen in die Startaufstellung ein Fehler war. Während sich die ersten Reihen des Feldes bereits auf der zweiten Geraden befinden, halten die Fahrer vor uns noch gemütliche Schwätzchen. Die ersten 500 Meter gehen nicht weniger gelassen vonstatten. Als ich Dommaas im Augenwinkel ein Überholmanöver starten sehe, ertönen auch schon mahnende Stimmen. Ihm wird von den anderen Rennfahrern nahe gelegt, sich in Reihe und Glied dem Pulk anzuschließen. Es stellt sich uns die Frage ob wir wirklich an einem Rennen oder doch eher einem Granfondo teilnehmen. Als sich das Feld dann endlich auseinanderzieht und die Spitzengruppe längst über alle Berge ist, nehmen wir Tempo und Verfolgung auf. Doch es dauert nicht lang, und der Körper rächt sich bitter für das ausgelassene Warmfahren.
Schon am ersten kurzen aber knackigen Uphill, der aufgrund des matschig weichen Untergrunds mit ordentlich Druck gefahren werden will, schmerzen Beine und Rücken ordentlich. Glücklicherweise folgt ein längeres, eng verwinkeltes Waldstück, dass sich in Spitzkehren als Fichtenslalom über weichen und Wurzel durchsetzen Waldboden schlängelt. Geschlossen geht es im Gänsemarsch mit Schrittgeschwindigkeit dahin, was mir etwas Erholung ermöglicht. Anfangs befürchteten wir noch, nach Runde 1 aufgrund zu großen Rückstands aus dem Rennen genommen zu werden, doch diese Befürchtung scheint sich nicht zu bewahrheiten. Es geht wieder aus dem Wald hinaus auf Feld und schon erhöht der Pulk das Tempo. Auf den nassen hängenden Wiesenkurven wenden dann doch viele Fahrer MTB-Technik an – Foot Out, Flat Out lautet das Motto. Ich gönne mir den Spaß und setzte hier und da meinem Kleidungsstil entsprechend zu Scandinavian Flicks an – zur deutlich hörbaren Begeisterung unserer Mitstreiter. Was anfangs nach einer eher verkrampften Partie aussah, entpuppt sich als durchaus lockere Truppe. Hier und da werden flotte Sprüche losgelassen und besondere Leistungen werden gegenseitig mit Begeisterung und Anfeuerung honoriert.

Trotz der lockeren Atmosphäre wird einem auf der Strecke nichts geschenkt und nach jeder Kurve heißt es aus dem Sattel gehen und mit Vollgas zu beschleunigen. Obwohl ich eine 45 Minuten andauernde Dauerbelastung auf hohem Niveau nicht gewohnt bin, läuft es bei mir im Vergleich zu den anderen Fahrern immer besser. Lediglich nach dem längeren Uphill bin ich restlos erschöpft und in jeder Runde erneut sehr froh darüber, dass die engen Kurven von niemand auf Zug gefahren werden. Nach und nach kassiere ich zurückfallende Fahrer vor mir und schiebe mich immer weiter nach vorne. Eine Sache fällt mir bei dieser Aufholjagd besonders auf: Während man sich in meinen MTB-Paradedisziplinen Überholmanöver nach Schreiattacke meist mit Ellbogeneinsatz erkämpfen muss, so zeigen sich die Cyclocrosser überaus kameradschaftlich. So fragen die vorwegfahrenden Fahrer von vorn nach hinten durch, wer überholen möchte und machen dementsprechend Platz. Bravo an dieser Stelle für ein so faires Verhalten!
Als das Signal zur letzten Runde ertönt, mobilisierte ich nochmals alle Kräfte und mache auf den Geraden ordentlich Druck. Obwohl es bei mir immer besser läuft und ich mich mit zunehmender Fahrzeit wohl noch verbessern könnte, freue ich mich, nach 45 Minuten von den Schmerzen erlöst zu werden. Auch Kollege und XC-Spezialist Dommaas ist sichtlich geschlaucht vom Rennen, zeigt sich aber gleichermaßen sehr erfreut über das spaßige Erlebnis. Keine Frage: Cyclocross macht mächtig Spaß. Die starken Parallelen zum MTB-Sport, die präzise Fahrtechnik und die Intervall-artige Fahrweise machen die Disziplin zudem zu einem erstklassigen Trainingsprogramm in der kalten Jahreszeit. Für mich war es jedenfalls nicht das letzte Cyclocross-Rennen – das ist sicher.
Der Beitrag Crosstober: Cyclocross als MTB-Herbstalternative im Selbstversuch ist auf MTB-News.de erschienen.